Wo sind wir hier eigentlich, Heide Schmidt?

Am 29. September wird in Österreich ein neuer Nationalrat gewählt. Ein guter Anlass, um kurz innezuhalten und die Frage zu stellen: Wo stehen wir als Land, als Gesellschaft? Eine Befindlichkeitsanalyse von Heide Schmidt.
Ich glaube, dass wir an einem „tipping point“ stehen, wie das so schön heißt. Ich habe den Eindruck, dass es bislang immer bergauf gegangen ist. Nicht stetig, einmal so und so, aber eigentlich immer bergauf. Da rede ich nicht nur von meinem subjektiven Leben, ich rede von unserer Gesellschaft. Heute, habe ich den Eindruck, wendet sich das Blatt. Global, aber in Österreich erst recht. Erstens, weil wir ein Teil des globalen Ganzen sind, und zweitens, weil wir in Österreich schon auch Vorarbeit dazu geleistet haben.

Ohne die Vergangenheit beschönigen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass die Gesellschaft unsolidarischer, unaufmerksamer und unachtsamer wird.

Dass es ein Hinnehmen von Gemeinheiten gibt, die bis zum Tod gehen, wenn ich mir unsere Flüchtlingspolitik ansehe. Das macht etwas mit der Gesellschaft. Und ich halte den Boden, wie wir ihn derzeit haben, für einen übel kontaminierten. Trotzdem bin ich nicht so pessimistisch, wie es in der Analyse klingt. Warum? Weil sich offensichtlich auch etwas anderes entwickelt: ein zivilgesellschaftlicher Cluster etwa, wie ich es in der jüngeren Vergangenheit noch nicht erlebt habe. Dass sich Menschen zusammentun, um etwas nicht zuzulassen, um etwas Neues zu beginnen, um etwas in die Hand zu nehmen. Ob das ausreicht, weiß ich nicht. Denn zu alldem kommt hinzu: Wir stehen vor einer drohenden Klimakatastrophe. Wir befinden uns jedenfalls in einer ernsten Situation, und wenn wir unsere Lebensweise, unsere Wirtschaftspolitik und unser Konsumverhalten nicht ändern, dann wird es brenzlig. Und das alles habe ich vor 20 Jahren nicht empfunden, erst recht nicht vor 30. Jetzt empfinde ich es so. 

Heide Schmidt gründete nach ihrem Ausscheiden aus der FPÖ das Liberale Forum, zog sich 2008 aber völlig aus der Politik zurück. Heute engagiert sie sich im sozialen und demokratiepolitischen Bereich. 

Diese Analyse ist Teil eines Stammtischgesprächs bei dem sich über 50 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes Österreich unterhalten haben. Das Ergebnis ist das Buch "Wo sind wie hier eigentlich? Österreich im Gespräch", entstanden in Kooperation mit dem Magazin DATUM.

Wo sind wir hier eigentlich?

Wo sind wir hier eigentlich?