Warum kriselt es bei Österreichs Skifahrern, Peter Filzmaier?

War früher alles besser? Was Ski-Österreich betrifft, lautet die Antwort derzeit ja. 30 Jahre hindurch war Österreich die Skination Nummer eins im Weltcup, nun zieht im Nationencup die Schweiz davon. "Chef-Analytiker" Peter Filzmaier über diese Misere.

 

Österreich ist im Skifahren nicht mehr die Nummer eins im Weltcup. Wie schlimm ist das für das Land?

Österreich befindet sich am Rande der Identitätskrise. Die gute Nachricht: Der Bestand der Republik ist nicht bedroht. Doch 2019/20 werden „wir“ nicht den Nationencup gewinnen. Wir sind ausgerechnet beim Skifahren nicht mehr Erster. Das wird als fast genauso schlimm empfunden, weil damit fast nur noch die Mozartkugeln und Sängerknaben für eine weltweite Führungsrolle übrig bleiben.

Also sollten wir uns auf Schokolade und Singen spezialisieren?

Im Grunde ist das nicht zum Lachen. Jedes Gemeinwesen benötigt identitätsstiftende Faktoren, aus denen sich das Wir-Gefühl ableitet. Der Sport spielt dabei eine wichtige Rolle. Für einen Kleinstaat ist es vernünftig, sich da nicht in echten Weltsportarten mit über 200 Staaten messen zu wollen. Österreich hat sich daher als Nationalsport etwas ausgesucht, das in weniger als 10 Ländern wirklich professionell betrieben wird. Nun aber hat diese Strategie erstmals seit Ewigkeiten beim Skifahren nicht geklappt.

Brauchen wir ein Comeback von "unserem" Marcel Hirscher?

Schuld ist auch Marcel Hirscher an dieser Misere, ja. Natürlich nur indirekt. Aber ohne seine Punkte hätte Österreich bereits im Vorjahr den Nationencup knapp verloren. Ohne ihn wurde die Sache völlig aussichtslos. Da Hirscher nicht wiederkommen wird, treibt die Sehnsucht nach neuen Helden tolle Blüten. Auf Facebook & Co wird bereits ein 10-jähriger zum neuen Schihelden gemacht, der irgendwann die Nation retten soll. Sonst bleibt nur noch, dass wir zum Pfitschigogerln als Nationalsport überwechseln.

Eingeschworenen Fans ist wahrscheinlich jetzt nicht zum Lachen...

Beim Sport geht es auch zur Sache. In Südamerika wurde wegen eines Fußballspiels einmal sogar ein Krieg begonnen. Oder unsere deutsche Nachbarn: Das im Vergleich zu Österreich große Deutschland schwankt je nach Fußballergebnissen zwischen Sommermärchen und Depression. Olympische Spiele sind allzu oft ein Propagandaevent. Der Sport ist auch ein Ort mit Rassismus und Frauendiskriminierung. Trotzdem lieben wir alle als Fans unsere schönsten Sportgeschichten.

 

In seinem Sportbuch "Atemlos" versammelt Peter Filzmaier seine schönsten Sportgeschichten und geizt darin auch nicht mit kritischen Seitenblicken auf das Wechselspiel von Sport und Politik.

Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten Krems und Graz. Einer breiten Öffentlichkeit ist er als politischer Analytiker des ORF, als Gastkommentator in Zeitungen sowie als Talkshowgast bekannt. Vor allem jedoch ist Filzmaier-Sportfan, Hobbysportler und Läufer: Seine einstige Bestzeit über 10 Kilometer liegt knapp unter 33 Minuten, die Halbmarathonbestzeit ist 1 Stunde und 12 Minuten.

Atemlos. Meine schönsten Sportgeschichten

Atemlos