So kommuniziert ihr wirkungsvoll und stellt Falsches erfolgreich richtig: Tipps von Ingrid Brodnig

Corona-Pandemie, Impfungen, Klimakrise: Die Verunsicherung in der Gesellschaft wächst. Immer öfter sehen wir uns mit Behauptungen und Verschwörungserzählungen konfrontiert. Was tun, wenn die eigene Familie Falschmeldungen Glauben schenkt oder der Freundeskreis sie verbreitet, als wären es Fakten?

Ingrid Brodnig beschäftigt sich seit Jahren mit Phänomenen wie Irreführung und Desinformation im Netz, sie hält Vorträge und Workshops zu diesen Themen. In ihrem neuen Buch “Einspruch!”  liefert sie Strategien und Tipps für das geschickte Diskutieren im Privaten und Öffentlichen und zeigt uns, wie wir in hitzigen Debatten ruhig bleiben und unseren Standpunkt verdeutlichen. Wann ist Diskutieren überhaupt sinnvoll?  Welche verschiedenen Taktiken gibt es, um Fakten verständlich zu machen und Aufklärung zu leisten? Es geht nicht unbedingt darum, den eigenen Standpunkt durchzusetzen, sondern eine wertschätzende Gesprächsebene zu finden und flexibel, sagt sie.

Im Folgenden ein kleiner Auszug, wie man kursierenden Falschmeldungen ein Stück weit effizienter kontern kann – und was zu vermeiden ist.

TIPP: BETONEN SIE DAS RICHTIGE

Wenn wir etwas Falsches oder gar Absurdes hören, neigen wir dazu, prompt zu antworten: „Nein, das stimmt nicht!“ Wir sagen zum Beispiel: „Nein, Bill Gates hat niemanden zwangssterilisiert.“ Das Problem ist jedoch: Man wiederholt dabei die falsche Aussage – stellt lediglich eine Verneinung davor. Und hier besteht die Gefahr, dass man die falsche Information ins Rampenlicht setzt, schlimmstenfalls sogar zur Bekanntheit und zur Eingängigkeit von Mythen beiträgt. Sinnvoller ist es, das Richtige in den Vordergrund zu rücken und somit prominenter zu machen.

TIPP: WIEDERHOLEN SIE SICH! WIEDERHOLUNG IST EIN RHETORISCHES INSTRUMENT

In den 1970er-Jahren wurde erstmals ein bedeutendes Experiment durchgeführt: Im Rahmen einer psychologischen
Studie bekamen Menschen über Wochen hinweg immer wieder Aussagen via Tonaufnahme vorgespielt. Manche Behauptungen waren falsch, manche waren richtig. Aber egal, ob eine Aussage stimmte oder erfunden war, die Wiederholung wirkte: Was die Teilnehmenden häufiger gehört hatten, stuften sie eher als wahr ein. Das Faszinierende ist also: Wird man öfter mit bestimmten Aussagen konfrontiert, steigt die Chance, diese als wahr einzustufen. In der Psychologie wird das der „Wahrheitseffekt“ genannt, wobei mir der englische Fachbegriff noch besser gefällt: „illusory truth effect“. Denn die englischsprachige Bezeichnung verdeutlicht, dass das Gefühl von Wahrheit auch trügerisch sein kann. Wenn einzelne Userinnen und User in sozialen Medien zum Beispiel viele fragwürdige Quellen abonnieren, dann ist ihr Feed womöglich voll mit ständig gleichen Falschmeldungen. Hier besteht die Gefahr, dass durch die Wiederholung das Falsche einsickert – und die Frequenz einer Aussage das trügerische Gefühl von Richtigkeit vermittelt.
Daraus lässt sich aber eine Empfehlung ableiten: Wenn die Wiederholung mächtig ist, dann sollten wir uns dies
zunutze machen – und möglichst oft das Richtige ansprechen! Wenn Sie jemandem erklären, warum eine Falschmeldung nicht stimmt, wiederholen Sie an unterschiedlichen Stellen das Richtige.

TIPP: PRÜFEN SIE DIE EIGENE WORTWAHL! WIE DEUTLICH SPRECHEN SIE?

Wenn Sie in einer Debatte das Gefühl haben, es gelingt Ihnen nicht, den eigenen Standpunkt deutlich genug zu artikulieren, dann könnte das an den Frames in dem Gespräch liegen. Frames sind Deutungsrahmen. Ein Beispiel: Wenn Sie merken, dass Sie gerade stark mittels Verneinung kommunizieren („Nein, Bill Gates will nicht …“, „Nein, Impfungen führen nicht zu …“), dann kann das ein Anzeichen sein, dass Sie im Frame der Falschmeldung versuchen, Ihren eigenen Standpunkt verständlich zu machen. Überlegen Sie stattdessen, wie Sie etwas direkter formulieren, womöglich auch klarer benennen können, was Sie selbst beunruhigt. Zum Beispiel: „Es ist schockierend, wie viel Falsches über Bill Gates kursiert.“ Oder: „Impfungen sind eines der wichtigsten Instrumente der Medizin, um Krankheiten zurückzudrängen.“ Erinnern Sie sich an das, was Sie eigentlich sagen wollten!

TIPP: NUTZEN SIE DIE ÜBERZEUGUNGSKRAFT VON BILDERN

Unseriöse Accounts im Netz sind oft geschickt darin, Botschaften simpel zu gestalten und leicht zugänglich zu machen – und das gelingt oft mittels Bildern. Man sieht zum Beispiel das Gesicht von Bill Gates und daneben eine erfundene Behauptung. So skurril das ist: Allein die Existenz eines Bildes neben einer falschen Aussage kann die Glaubwürdigkeit
steigern. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: „truthiness effect“. Auch Infografiken können hilfreich sein. Das
testeten die Politologen Jason Reifler und Brendan Nyhan einmal: Sie zeigten Fans der republikanischen Partei in den
USA Information zur Erderhitzung. Wie schon erwähnt, zweifelt speziell dieses politische Lager wissenschaftliche
Ergebnisse zur Klimakrise an. Deshalb wurden solchen Personen Fakten entweder als Bild oder aber als Text vorgelegt:
Beide Varianten lieferten die Information, dass binnen dreißig Jahren die Oberflächentemperatur der Erde um 0,5 Grad Celsius gestiegen ist – was unterschiedliche Institute von der NASA bis zur japanischen Meteorologischen
Behörde aufzeigen. Ein Teil der Teilnehmenden an der Studie bekam die Information als Text geliefert, ein anderer
Teil sah es als Grafik. Die Politologen stellten fest: Das Bild wirkte stärker.

So sah die Grafik in der Studie aus – sie wurde von der Illustratorin
Marie-Pascale Gafinen nachgezeichnet.

Mehr Empfehlungen von Ingrid Brodnig gibt es im Buch!

Am Dienstag, dem 26. Januar 2021, 19 Uhr, findet die Erstpräsentation von “Einspruch!” in Kooperation mit den Büchereien Wien und W24 live hier statt.
Ingrid Brodnig ist Autorin, Kolumnistin, Netz-Expertin. Fotocredit: Gianmaria Gava
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