“Ich muss raus”: Das neue Buch von Ulrike Folkerts

Ulrike Folkerts ist als beliebte und toughe Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bekannt. In ihrer neuen Autobiografie „Ich muss raus“ erzählt sie von Sexismus in der Schauspielbranche, beleuchtet ihr privates und öffentliches Outing und hinterfragt nicht enden wollende Rollenklischees. Folkerts zeigt auf unkonventionelle und inspirierende Weise, wie wichtig es ist, Stigmatisierungen entgegenzuwirken.

Ihr Lebensmotto und auch der Titel Ihres aktuellen Buches lautet: Ich muss raus – woraus?

Raus steht für Beweglichkeit im Kopf und Körper. Sich weiterentwickeln, neugierig bleiben, und sich für andere und anderes zu interessieren. Raus aus der Schwerkraft, der  Bequemlichkeit und eigene Grenzen überwinden.

Ihr Buch soll keine Momentaufnahme der Gegenwart darstellen, sondern (vor allem) einen Blick zurück. Worauf blicken bzw. schauen wir dann? 

60 Jahre sind nicht Ohne, da wurde Geschichte geschrieben, in Deutschland, in der Frauenbewegung, in der TV-und Filmbranche, es gibt mehr Rechte für homosexuelle Menschen., das Internet und die Mobiltelefone haben unser Leben, unsere Sicht auf die Welt verändert. Es gab die Ölkrise, den Mauerfall, die Flüchtlingskrise, Finanzkrisen und heute Corona. All das habe ich miterlebt, steckte mittendrin, war ganz nah dran oder auch sehr weit weg. Ein Leben ohne Krieg, sage ich mir oft.

Wie viel Lena Odenthal steckt in Ihnen und wer hat wen mehr geprägt – Lena Odenthal Ulrike Folkerts oder umgekehrt?

Das hat eine starke Wechselwirkung. Ulrike hat Lena zum Leben erweckt und Lena hat Ulrike zu einer öffentlichen Person gemacht.

Die Ihnen auferlegte Rolle als Lena Odenthal macht im größeren Kontext gesehen deutlich, wie wir uns auch in unserem Alltag gegenseitig Rollen und Images zuschreiben. Inwiefern hadern wir im öffentlichen Kontext noch immer mit stigmatisierten Klischees und Rollenzuschreibungen? Und was gilt es zu ändern?

Das Fernsehen arbeitet sehr mit Stereotypen und Klischees. Es wird Zeit diese zu brechen. Im Moment gibt es viele Diskussionen um Vielfalt. Die Gesellschaft in ihrer unendlichen Vielschichtigkeit und mit ihren unterschiedlichsten Lebensformen spiegelt sich so nicht im TV – Bereich. Da stehen noch so viele Möglichkeiten des Geschichtenerzählens aus.

Was bedeutet es in der heutigen Zeit Frau und weiblich zu sein? Und vielleicht noch wichtiger: was bedeutet es nicht?

Das kommt wohl auf den Blickwinkel an. Auch da ist das TV ein merkwürdiger Ratgeber mit Sendungen wie „Supermodel“ u.ä. Sollte es nicht viel mehr darum gehen, Stärken und Schwächen einer Frau besser kennen zu lernen und zum Einsatz zu bringen, anstatt sie auf das Äußere zu reduzieren oder noch schlimmer, sich als Frau auf das Äußere reduzieren zu lassen?!

Ist das Frauenbild heute ein emanzipierteres als früher? Oder nur ein anderes?

Gute Frage. Manchmal denke ich, die Emanzipation ist rückläufig. Immer öfter wird nach einer Quote geschrien, weil es eben noch nicht selbstverständlich ist Gleichberechtigung selbstverständlich um zu setzen.

Diskriminierungen, Machtübergriffe und sexuelle Gewalt sind in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche inzwischen und nicht zuletzt durch Harvey Weinstein und Dieter Wedel ein öffentlich diskutiertes Thema. Zu finden sind solche Missstände aber auch andernorts, im Beruflichen wie auch im Privaten. Das große Problem ist, schreiben Sie, dass darüber geschwiegen wird. Aus Scham – und aus Angst, sich die Karriere zu ruinieren. Wie kann man diesem Konflikt begegnen? Und was wäre ein Ansatz, um das Geschlechterverhältnis (bspw. in der Filmbranche) zu stabilisieren?

Die #MeToo-Debatte hat uns für dieses Thema sensibilisiert, es gibt Anlaufstellen und Unterstützung, um diese Übergriffe zu melden. Betroffene sind nicht mehr allein und Machtmissbrauch wird kritisiert und benannt. Es ist ein Anfang, der etwas ins Rollen gebracht hat. Jetzt heißt es dran bleiben.

Der Fokus auf geschlechtlichen Stereotypen oder der unermessliche Jugend-Hype zeichnen sich auch in der Filmbranche deutlich ab. Welches gesellschaftliche Bild wird damit gezeichnet? Und was verpassen wir dadurch?

Das gesellschaftliche Bild ist ein immer Gleiches, voller Klischees, und wenig überraschend. Um das jugendliche Publikum zu interessieren, setzt ein Streaming Dienst wie Netflix auf Serien mit hauptsächlich jungen Protagonisten, verständlich. Völlig unter gehen dabei besonders Geschichten über Frauen, die 40ig aufwärts sind. Das Rollenangebot schrumpft mit zunehmendem Alter für die Schauspielerinnen, dabei gebe es eine Menge zu erzählen.

Welche Veränderungen haben nicht nur MeToo-Debatten und Women’s Empowerment-Bewegungen, sondern vor allem auch die „Actout“-Initiative in Hinblick auf Film und Fernsehen angestoßen?

Hier geht es darum, erst einmal ein Bewusstsein zu schaffen, dass Frauen generell bei Drehbuch, Regie, Kamera und vor der Kamera als Schaupielerinnen zu wenig präsent sind. Und Schauspieler:innenn, die  sich als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter und non binär identifizieren bei der Rollenvergabe diskriminiert werden. Außerdem haben diese Menschen keine Sichtbarkeit in Filmen oder Theaterstücken, als eine selbstverständliche Lebensweise, die unkommentiert und nicht negativ erzählt wird.

Ihr Blick im Buch richtet sich auch nach vorn und zeigt, welche Veränderungen wir dringend brauchen. 3 Dinge, die noch zu tun sind – welche wären das?

  1. Mehr Drehbuchautorinnen, deren Geschichten auch gedreht werden.
  2. Mehr Regiesseurinnen, damit die weibliche Sicht auf unsere Welt nicht zu kurz kommt.
  3. Mehr Vielfalt an Lebensformen in den Geschichten, damit unsere Gesellschaft, wie sie ist, sichtbar  wird.

Wenn Sie auf die Ulrike vor 20-30 Jahren zurückblicken – was hat sich seit dieser Zeit für Sie und Ihr Leben verändert? 

Eine Menge. Abgesehen vom Älterwerden, bin ich sicherer geworden, im Beruf, im Leben und mit mir.  

Welche Erfahrung(en), welche Erfolge und Niederlagen waren mitunter die prägendste(n) – in Ihrer Laufbahn als Schauspielerin aber auch privat?

Theaterspielen ist für mich immer eine ganz besondere Erfahrung gewesen, die ich nicht missen möchte, auch wenn ich da regelmäßig an meine Grenzen kam. Der Erfolg hat mich jeweils belohnt für die Anstrengung. Echte Niederlagen, wie beim Schwimmwettkampf kenne ich und gehören zum Leben dazu. Letztlich wachsen wir daran.

Eigensinnig, unkonventionell, inspirierend: ULRIKE FOLKERTS gibt uns Mut, unseren eigenen Weg zu gehen!

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