Gehirnforscherin: Trotz Ausgangssperre nicht auf Bewegung verzichten

Neurowissenschafterin Dr. Manuela Macedonia erklärt warum die Virus-Pandemie schwer zu erfassen ist und gerade jetzt Struktur und Bewegung im Alltag als natürliches Antidepressivum wirken.

Liebe Frau Dr. Macedonia, warum kann unser Hirn Gefahren wie die Corona-Pandemie nur schlecht erfassen?  

Für unsere Handlungen, unser Denken, Fühlen und all das, was uns ausmacht, haben wir im Gehirn Muster aufgebaut. Diese Muster bestehen aus Gehirnzellen, die durch wiederholte Reize aus der Außenwelt sich zu einem Netzwerk formiert haben. Für viele Gefahren haben wir solche Netzwerke: Zum Beispiel, für ein Auto, das uns riskant überholt, oder aber auch, wenn jemand mit einer Waffe oder ein Messer auf uns zukommt. Wir wissen, von beiden Gefahren, was die Konsequenzen sein können und halbwegs auch, wie wir darauf reagieren können. Eine Pandemie, deren Erreger allerdings auch von Menschen übertragen werden kann, denen man die Krankheit nicht ansieht, ist ein unsichtbarer Feind. Dass Oberflächen kontaminiert sein können, mit einem tödlichen Virus, ist in unserem Gehirn einfach neu. Wir haben keine Muster dafür aufgebaut, wir sind in der Bekämpfung nicht geübt. Täglich lernen wir den Umgang mit der unsichtbaren Bedrohung, deswegen können wir sie nicht oder schlecht erfassen.  

Wir sind aktuell umgeben von Bad News, damit beginnt oft ein Teufelskreis voller negativer Gedanken. Wie können wir das vermeiden?  

Weltuntergangszenarien brennen sich im Gehirn ein und verstärken Angst. Sich einmal am Tag bei seriösen Informationskanälen upzudaten ist ok, es ist aber nicht zu empfehlen alles zur Krankheit zu lesen, düstere Filme und Serien anzuschauen. Jetzt geht es um positive Affirmationen, den Gedanken zu stärken: Zusammen schaffen wir das, auch diese Zeit wird ein Ende haben. 

Während die einen gerade im Dauereinsatz sind, sind andere nahezu unterbeschäftigt. Wie lässt sich in dieser neuen Situation für uns alle das Gehirn dennoch fit halten?  

Ich rate dazu, sich einen Plan mit Uhrzeiten und To Dos zu machen und dem Alltag eine Struktur zu geben, so wie an einem normalen Arbeitstag. Wir können Erledigtes abhaken. Es gilt, dass wir statt dem früheren Alltag einen neuen aufbauen, der uns durch die Krise trägt. Wir können, sofern es die Umstände zulassen, die Zeit auch nutzen, um Neues zu lernen, das uns interessiert. Wir finden online alle möglichen Kurse zu allen möglichen Inhalten. Serien zu schauen tut uns nicht gut, unser Gehirn profitiert mehr einem guten Buch, wodurch wir etwas lernen und unseren Kopf sinnvoll beschäftigt.  

Sie sagen, dass Bewegung gerade jetzt in Zeiten der Quarantäne sehr wichtig ist.  

Die derzeitige Lage verursacht Stress und Angst. Aus Sicht der Evolution ist Stress zwar eine sinnvolle Reaktion unseres Körpers auf eine Bedrohung, weil Cortisol ausgeschüttet wird, ein Hormon, das den Stoffwechsel anregt. Bleibt Cortisol aber in unserem Körper, weil es nicht abgebaut wird, schadet das dem Gehirn: Gewisse Regionen können schrumpfen und ihre Funktionen beeinträchtigt werden. Cortisol lässt sich nachweislich über Bewegung abbauen und somit kann man auch besser schlafen, denn Cortisol stört auch den Schlaf. Ich empfehle täglich Workouts über Apps und Youtube-Training zu machen und spazieren, walken oder  laufen zu gehen. Zahlreiche Studien belegen außerdem, dass Meditation gut gegen Stress wirkt, indem sie die Ausschüttung vom Stresshormon Cortisol einbremst. Es gibt auch diesbezüglich ein digitales Angebot an Meditationskursen und Apps.

Was können wir Positives aus dieser Krise mitnehmen? 

Ich bin in einer Mentalität aufgewachsen, in der Arbeit das Wichtigste ist. Dafür habe ich oft auf Erlebnisse verzichtet, die mir wichtig gewesen wären, in erster Linie auf Zeit mit Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen oder spielten. Sobald wir dürfen, werde ich Vieles nachholen und mein Motto ist: Alles und sofort, denn morgen kann es schon zu spät sein – mit Betonung auf zu! 

Dr. Manuela Macedonia ist Wissenschafterin, Wissenschaftsjournalistin und Bestseller-Autorin. Seit Jahresbeginn motiviert sie mit ihrer 365-Tage-Challenge #runtervomsofa auf Instagram und Facebook, den inneren Schweinehund zu bekämpfen und regelmäßige, richtige Bewegung in den Alltag zu integrieren. Jede und jeder ist eingeladen, mitzumachen!

Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke

Runter vom Sofa!

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