Die Mächtigen und deren Einflüsterer

Manfred Matzka kennt es genau, das Zentrum der politischen Macht in Österreich. 40 Jahre war er selbst als Berater im Staatsdienst tätig. Nun erscheint sein neues Buch über seinesgleichen: „Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren".

Herr Matzka, Sie waren einst der mächtigste Beamte der Republik. Welche Eigenschaften sollte man für diesen Job mitbringen?

Er ist intelligent, gebildet und sprachmächtig. Ausführlicher habe ich das im Buch dargestellt. Ein erfolgreicher Berater weiß viel oder Spezielles, ist bereit, hinter dem Chef zurückzustehen und ihm zuzuarbeiten und tritt selbst nicht ins Licht. Er kennt das Umfeld der Politik und Verwaltung, dessen Strukturen, die Abläufe und die handelnden Personen bis ins kleinste Detail. Er verliert nie die Übersicht und hat einen langen Atem, denkt strategisch und handelt unbeirrt. Er ist rechte Hand, Auge und Ohr des Chefs, entscheidet, wer und was zu ihm vordringt und wer und was nicht. Er entwickelt, wie dieser denkt und was er sagt. Die graue Eminenz ist immer in der Nähe, wenn entschieden wird, sie lenkt und steuert – zumeist erfolgreich – in die gewollte Richtung. Die graue Eminenz erkennt frühzeitig Fallstricke, beseitigt sie unmerklich oder knüpft sie noch fester. Sie weiß, wie es geht und stellt dieses Wissen zur Verfügung – vorbehaltlos oder nur teilweise, allen oder nur Ausgewählten, rechtzeitig oder im Nachhinein. So überdauert man Politiker und wird daher wichtig. 

Was hat Sie in all den Jahren in der Politik am meisten fasziniert?

Einerseits jene Persönlichkeiten – Kanzler und Miniaster -, die wirklich etwas bewirken, verändern, gestalten wollten. Diese scharten gute Leute um sich, riskierten und begeisterten für die Sache. Das war ein klarer Gegensatz zu jenen anderen, die nur das bleiben wollten, was sie geworden sind, bei denen das Festhalten an der Funktion, die Absicherung gegen eine Abwahl das Wichtigste war. Und in inhaltlicher Hinsicht hat mich am meisten fasziniert, wie in den Siebzigerjahren unter Kreisky ein gesamtgesellschaftlicher großer Wurf umgesetzt wurde, auch unter Einbeziehung der Verwaltung – mehr Demokratie, breitere Bildung, Emanzipation der Frauen, soziale Sicherung für die Ärmeren, Mut zur Reform. Das konnte junge Menschen für Politik so begeistern, dass sie ein Leben lang nicht mehr davon loskommen.

In Ihrem Buch analysieren Sie die Entwicklung der Berater, von Maria Theresia bis heute – was hat sich im Laufe der Geschichte am prägnantesten verändert?

Es sind die großen, konturierten Persönlichkeiten verschwunden, die in der Verwaltung nachhaltig gewirkt haben und von dort aus gut und wirksam beraten haben. Oder besser gesagt – sie wurden sukzessive zurückgedrängt. Einen Sonnenfels, Gentz, Kelsen wird man heute vergeblich suchen. Und das ist die wichtigste Veränderung insbesondere der letzten Jahrzehnte: Beratung ist heute anonym, Berater sind kleine Abbilder und „follower“ der Beratenen und ihre professionellen Dienstleister. Sie konzentrieren sich auf den Verkauf der Person an der Spitze und ihrer Schlagwörter. Sie kosten zwar sehr viel Geld, aber sie verbessern das Produkt nicht, das bei den Verwalteten, also bei den Menschen ankommt. Im Gegenteil, die Qualität der öffentlichen Vorsorge und Sicherung wird trotz dieses enormen Aufwands schlechter und leider merken wir das auch in der Corona-Krise.

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Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren

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